Tempelhof-Schöneberg war über Jahrzehnte ein Bezirk der Bewegung: hier liefen die großen Eisenbahnstränge der Anhalter, Dresdener und Potsdamer Bahn zusammen, hier wuchs der Zentralflughafen zum größten Gebäude seiner Zeit, und dazwischen siedelten sich Gaswerke, Mälzereien und Ausbesserungswerke an. Diese Dichte an Verkehr und Industrie hat eine Dichte an Resten hinterlassen, die heute teils unter Bäumen verschwinden, teils als nüchterne Hülle weiterstehen.
Wir gehen die vergessenen und stillgelegten Orte des Bezirks ab, von verwilderten Rangiergleisen über abgestellte Wassertürme bis zu längst abgerissenen Vergnügungsstätten, ohne zum Betreten gesperrter Areale aufzurufen. Manche dieser Plätze sind heute öffentlich zugänglich, andere bleiben hinter Zäunen, und einige existieren nur noch als Name auf der Karte.
Wichtiger Hinweis: Viele der genannten Orte sind Privatgelände, militärische Liegenschaften, Bahnbetriebsflächen oder gesicherte Industriegrundstücke. Das Betreten ist verboten und gefährlich. Dieser Text ist ein historischer Rundgang aus sicherer Entfernung, keine Anleitung zum Urban Exploring.
- 1. Naturpark Schöneberger Südgelände
- 2. Wasserturm im Südgelände
- 3. Lokhalle des Bahnbetriebswerks Tempelhof
- 4. Gasometer Schöneberg
- 5. Flughafen Tempelhof
- 6. Tunnel und Bunker unter dem Flughafen Tempelhof
- 7. Anhalter Güterbahnhof und Flaschenhalspark
- 8. Yorckbrücken
- 9. Berliner Sportpalast (abgerissen)
- 10. Malzfabrik Schöneberg
- 11. Insulaner (Trümmerberg)
- 12. Cheruskerpark und Cheruskerkurve
- Ausblick: Was bleibt, was verschwindet
- Quellen
1. Naturpark Schöneberger Südgelände

- Lage: zwischen S-Bahnhof Priesterweg und Prellerweg, Schöneberg
- In Betrieb: Rangierbahnhof 1889 bis 1952
- Heute: 18 Hektar Naturpark, seit 1999 geschützt
- Zugang: öffentlich, gegen kleinen Eintritt
Wo bis 1952 der westliche Teil des Rangierbahnhofs Tempelhof Güterzüge sortierte, schoben sich nach der Stilllegung über Jahrzehnte Birken, Robinien und ein dichter Unterwuchs zwischen die liegen gebliebenen Gleise. Eine Bürgerinitiative verhinderte 1980 die geplante Reaktivierung des Geländes und legte damit den Grundstein für eines der ungewöhnlichsten Schutzgebiete Berlins.1
Heute führen erhöhte Stege über die empfindliche Vegetation, zwischen der Schienen, Weichen und eine alte Drehscheibe rosten. Der Park wurde zur EXPO 2000 eröffnet und verbindet Industriegeschichte, wuchernde Natur und Kunstinstallationen auf engem Raum.
2. Wasserturm im Südgelände

- Erbaut: 1927
- Höhe: rund 50 Meter
- Funktion: Wasserversorgung für Dampfloks
- Status: Industriedenkmal, 2019 saniert
Der rostrote Stahlturm aus dem Jahr 1927 versorgte einst über Wasserkräne die Dampflokomotiven des Rangierbahnhofs. Sein kugelförmiger Behälter mit knapp zehn Metern Durchmesser ruht auf fünf Stützen und fasste rund 400 Kubikmeter, genug, um mehrere Loks gleichzeitig zu speisen.2
Nach dem Ende des Bahnbetriebs blieb der Turm ungenutzt zwischen den nachwachsenden Bäumen stehen. Bei der Sanierung 2019 entschied man sich bewusst dafür, auch die Spuren von Beschuss aus dem Zweiten Weltkrieg sichtbar zu lassen.
3. Lokhalle des Bahnbetriebswerks Tempelhof

- Erbaut: 1926 bis 1931
- Lage: Kernzone des Südgeländes, Schöneberg
- Heute: leer, Sanierung bis voraussichtlich 2029
- Zugang: Außenansicht im Park
Zwischen 1926 und 1931 entstanden hier mehrere durch Schiebebühnenhallen verbundene Lokschuppen, von denen nach den Kriegsschäden im Wesentlichen eine Lokhalle samt anschließender Schiebebühnenhalle übrig blieb. Mit ihren rund 4500 Quadratmetern zählt sie zu den bedeutendsten technischen Baudenkmälern der Schöneberger Bahngeschichte.3
Jahrzehntelang stand die Halle weitgehend ungenutzt im Park. Seit 2019 wird sie aufwendig saniert, um sie als multifunktionalen Kulturort dauerhaft zu erhalten.
4. Gasometer Schöneberg

- Erbaut: 1908 bis 1910
- In Betrieb: 1913 bis 1995
- Heute: Stahlgerüst auf dem EUREF-Campus
- Schutz: seit 1994 denkmalgeschützt
Der Niederdruck-Gasbehälter ging 1913 in Betrieb und gehörte mit rund 160000 Kubikmetern zu den größten Gasspeichern Europas. Mit der Umstellung auf Erdgas verlor er seine Funktion und wurde 1995 stillgelegt, danach blieb von ihm allein das markante Stahlgerüst stehen.4
Über Jahre stand das Skelett ungenutzt als weithin sichtbare Landmarke der Roten Insel. Seit 2008 ist es Mittelpunkt des EUREF-Campus, sodass aus dem leeren Gerüst ein Veranstaltungs- und Bürostandort wurde.
5. Flughafen Tempelhof

- Erbaut: Großbau ab 1936
- Stillgelegt: 30. Oktober 2008
- Heute: Tempelhofer Feld und Gebäudenutzungen
- Zugang: Feld frei, Gebäude per Führung
Der Zentralflughafen Tempelhof war bis zu seiner Schließung am 30. Oktober 2008 einer der drei Berliner Verkehrsflughäfen. Sein in der NS-Zeit ab 1936 errichteter Großbau galt zeitweise als das größte zusammenhängende Gebäude der Welt.5
Nach dem letzten Start im Oktober 2008 wurde das riesige Areal zunächst weitgehend sich selbst überlassen. Seit 2010 ist das frühere Rollfeld als Tempelhofer Feld öffentlich zugänglich, während Teile des weitläufigen Terminals leer stehen oder nur über Führungen zu sehen sind.
6. Tunnel und Bunker unter dem Flughafen Tempelhof

- Lage: unter dem Flughafengebäude, Tempelhof
- Anlage: Keller und Tunnel auf mehreren Ebenen
- Geschichte: NS-Zeit, Krieg und Kalter Krieg
- Zugang: nur über Führungen
Unter dem Flughafengebäude verbirgt sich ein verzweigtes System aus Kellern, Tunneln und Schutzräumen, das im Krieg zu Bunkern ausgebaut wurde. Im 1937 angelegten Filmbunker, der leicht entflammbares Filmmaterial sichern sollte, sind bis heute Spuren eines tagelangen Brandes von 1945 zu erkennen.6
Die Legende eines Tunnels vom Führerbunker bis nach Tempelhof gehört zu den klassischen Berliner Untergrundmythen, belegt ist sie nicht. Zugänglich sind die verborgenen Ebenen heute ausschließlich im Rahmen geführter Touren.
7. Anhalter Güterbahnhof und Flaschenhalspark

- Erbaut: Güterbahnhof 1871 bis 1874
- Brach gefallen: ab den frühen 1980er Jahren
- Heute: Flaschenhalspark am Gleisdreieck
- Zugang: öffentlicher Park
Der Anhalter Güterbahnhof südlich des Personenbahnhofs gehörte zu den großen Umschlagplätzen der Stadt. Nach dem Krieg kam der Verkehr weitgehend zum Erliegen, und ab den frühen 1980er Jahren lag das Gelände brach und verwilderte zur grünen Bahnbrache.7
Auf dem schmalen, flaschenhalsförmigen Zuschnitt entstand später der Flaschenhalspark als südlicher Teil des Parks am Gleisdreieck. Zwischen Wiesen und Wegen erinnern stehengebliebene Schienenstränge an die Bahnvergangenheit.
8. Yorckbrücken

- Erbaut: zwischen 1875 und 1935
- Bestand: von einst rund 45 heute 29 Brücken
- Schutz: seit 1993 denkmalgeschützt
- Zugang: frei einsehbar über der Yorckstraße
Über rund 500 Meter der Yorckstraße spannt sich ein Ensemble alter Eisenbahnbrücken, von denen heute noch 29 erhalten sind. Einige stammen aus den 1870er Jahren und wurden für die Dresdener und die Berlin-Anhaltische Bahn errichtet.8
Mit dem Niedergang des Güterverkehrs verloren viele der Brücken ihre Funktion und rosteten ungenutzt vor sich hin. Seit 1993 stehen sie unter Denkmalschutz, und ein Geschichtsparcours erinnert auch an die Deportationen, die ab dem Anhalter Bahnhof über diese Gleise führten.
9. Berliner Sportpalast (abgerissen)

- Erbaut: 1910
- Abgerissen: 1973
- Lage: Potsdamer Straße 172, Schöneberg
- Heute: Wohnhochhaus Pallasseum
Der 1910 eröffnete Sportpalast war zeitweise die größte Veranstaltungshalle Berlins und fasste je nach Bestuhlung bis zu 14000 Menschen. Hier fuhren Sechstagerennen, boxte Max Schmeling, und 1943 hielt Joseph Goebbels seine berüchtigte Rede vom totalen Krieg.9
Nach Auftritten von Künstlern wie Jimi Hendrix und Pink Floyd schloss die Halle 1973 und wurde abgerissen. An ihrer Stelle steht heute das Wohnhochhaus Pallasseum, lange unter dem Spottnamen Sozialpalast bekannt.
10. Malzfabrik Schöneberg

- Erbaut: 1914 bis 1917
- Bauherr: Schultheiss-Patzenhofer Brauerei
- Status: Industriedenkmal, ab 2009 revitalisiert
- Heute: Kreativ- und Kulturstandort
Die Malzfabrik an der Bessemerstraße entstand zwischen 1914 und 1917 im typischen roten Backstein und galt nach der Fertigstellung als größte Mälzerei Europas. Wagenschuppen, Stall, Maschinen- und Kellerhäuser bilden bis heute ein geschlossenes Ensemble.10
Die wirtschaftlichen Folgen der Wiedervereinigung trafen den Standort hart, und Teile lagen brach. Seit 2009 wird das denkmalgeschützte Areal behutsam saniert und als Kreativ- und Kulturstandort genutzt.
11. Insulaner (Trümmerberg)

- Aufgeschüttet: 1946 bis 1951
- Material: rund 1,8 Millionen Kubikmeter Trümmerschutt
- Lage: Schöneberg an der Grenze zu Steglitz
- Heute: Parkberg mit Sternwarte und Planetarium
Der Insulaner ist Berlins ältester Trümmerberg und wurde zwischen 1946 und 1951 aus rund 1,8 Millionen Kubikmetern Kriegsschutt aufgeschüttet. Eine provisorische Schmalspurbahn brachte den Schutt aus dem Bayerischen Viertel heran.11
Seinen Namen erhielt der Berg 1951 nach dem damals populären RIAS-Kabarett Die Insulaner. Heute ist der bewaldete Hügel ein Naherholungsort mit Sternwarte und Planetarium an seinem Fuß.
12. Cheruskerpark und Cheruskerkurve

- Gleise abgebaut: 1948
- Lage: Rote Insel, zwischen Kolonnen- und Torgauer Straße
- Heute: schmale Grünanlage auf altem Bahngelände
- Zugang: öffentlich
Auf der Roten Insel verlief einst die sogenannte Cheruskerkurve, ein Teil des Ringbahn-Gleisdreiecks, das 1948 abgebaut wurde. Auf der frei gewordenen Fläche zwischen Gasometer, Kolonnen-, Cherusker- und Torgauer Straße entstand der Cheruskerpark.12
Der betont großspurig klingende Name war zunächst nur der ironische Spottname der Anwohner für das wenig ansehnliche Areal. Mit der Zeit übernahm das Bezirksamt die Bezeichnung in seine offiziellen Darstellungen.
Ausblick: Was bleibt, was verschwindet
Viele dieser Orte in Tempelhof-Schöneberg sind im Wandel. Einige werden saniert und umgenutzt, andere überbaut, wieder andere holt sich die Natur zurück. Der Reiz des Verfalls ist meist nur eine Phase, bevor ein Ort entweder verschwindet oder ein zweites Leben beginnt.
Wer diese Spuren lesen will, hat dafür oft nur ein begrenztes Zeitfenster. Was bleibt, sind die Schichten der Geschichte unter den neuen Quartieren, eingelagert in Straßennamen, Bahndämmen, Mauerresten und einzelnen Gebäuden, die man weiterhin entziffern kann.