Am 30. Oktober 2008, kurz nach 22 Uhr, hob eine Dornier 328 der Cirrus Airlines mit 31 Passagieren vom Flughafen Tempelhof ab, Ziel Mannheim. Es war der letzte reguläre Linienflug in der Geschichte eines Flughafens, der wie kaum ein anderer Ort in Tempelhof-Schöneberg für Freiheit, Widerstand und Wandel steht1.
Wenige Minuten vor Mitternacht folgten dann die symbolischen Abschiedsflüge: Eine Douglas DC-3, einer der legendären Rosinenbomber, und eine Junkers Ju 52 der Lufthansa-Stiftung stiegen in den Berliner Nachthimmel. Dann war Schluss. Für immer.
Ein emotionaler Abschied am Platz der Luftbrücke
Der letzte Tag war von gemischten Gefühlen geprägt. Im Terminal fand eine Abschiedsgala für rund 800 geladene Gäste statt, begleitet von Swingmusik aus den 1940er Jahren2. Draußen auf dem Vorfeld erklang „Time to Say Goodbye", während die letzten Maschinen rollten.
Gleichzeitig versammelten sich hunderte Gegner der Schließung am Platz der Luftbrücke zu einer Mahnwache mit Kerzen1. Für viele Bewohner aus Tempelhof-Schöneberg fühlte es sich an, als würde ein Stück Heimat verschwinden. „Man opfert damit ein Stück seiner Geschichte", sagten Demonstranten den Reportern.
Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, der die Schließung politisch vorangetrieben hatte und heute als Vortragsredner und Podcaster aktiv ist, sprach von einem „emotional aufgeladenen Abend, den man respektieren muss". Buhrufe und Pfiffe begleiteten seinen Auftritt auf der Gala.
Der gescheiterte Volksentscheid
Die Schließung war politisch höchst umstritten. Am 27. April 2008 hatten die Berliner in einem Volksentscheid über die Zukunft des Flughafens abgestimmt. Es war der erste Volksentscheid in der Geschichte Berlins, der aus einem erfolgreichen Volksbegehren hervorging3.
Das Ergebnis war paradox: 60,1 Prozent der Abstimmenden votierten dafür, Tempelhof als Verkehrsflughafen zu erhalten. Doch die Wahlbeteiligung lag bei nur 36,2 Prozent. Damit erreichte die Initiative nur 21,7 Prozent aller Wahlberechtigten, weit unter dem erforderlichen Quorum von 25 Prozent4. Der rot-rote Senat aus SPD und Linkspartei setzte die Schließung wie geplant um.
85 Jahre Flughafengeschichte
Die Geschichte des Flughafens Tempelhof reicht bis 1923 zurück, als der reguläre Flugbetrieb aufgenommen wurde. In den 1930er Jahren war Tempelhof zeitweise der verkehrsreichste Flughafen Europas, noch vor London und Paris5.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten ließ Hitler ab 1936 das gewaltige neue Terminalgebäude nach Entwürfen von Ernst Sagebiel errichten. Es gilt bis heute als eines der größten Gebäude Europas. Die Anlage diente auch propagandistischen Zwecken, zur Rüstungsproduktion und zur Zwangsarbeit6.
Das berühmteste Kapitel schrieb Tempelhof während der Berliner Luftbrücke 1948/49. Als die Sowjetunion alle Landwege nach West-Berlin blockierte, landeten die amerikanischen und britischen Rosinenbomber im Minutentakt auf dem Flughafen und versorgten über zwei Millionen Berliner mit Lebensmitteln, Kohle und Medikamenten7. Tempelhof wurde zum internationalen Symbol der Freiheit.
Vom Flughafen zum Tempelhofer Feld
Am 8. Mai 2010 öffnete das Tempelhofer Feld als öffentlicher Park. Mit über 300 Hektar ist es eine der größten innerstädtischen Freiflächen der Welt. Auf den ehemaligen Start- und Landebahnen wird heute geskatet, geradelt, gegrillt und Drachen steigen gelassen.
2014 stimmten die Berliner in einem zweiten Volksentscheid mit 64,3 Prozent dafür, das Feld als offene Fläche zu erhalten und jede Bebauung zu verbieten8. Das Tempelhofer-Feld-Gesetz schützt die Fläche seitdem vor Verkauf, Teilprivatisierung und Neubebauung.
Während der Flüchtlingskrise 2015 wurden die Hangars als Notunterkünfte genutzt. Bis heute leben dort rund 2.700 Geflüchtete in Containern, die Unterbringung ist bis mindestens 2028 geplant.
Tempelhof heute: Zwischen Denkmal und Zukunft
Das Terminalgebäude steht seit 1995 unter Denkmalschutz und gehört dem Land Berlin. Aktuell wird im Rahmen der „Vision 2030+" das 1,2 Kilometer lange Dach saniert, die Kosten liegen bei rund 34 Millionen Euro9. Teile des Gebäudes dienen als Büros, Gewerbeflächen und Veranstaltungsort, über 128.000 Quadratmeter warten noch auf Entwicklung.
In Hangar 7 soll das Alliiertenmuseum einziehen und auf 7.000 Quadratmetern die Geschichte der westlichen Alliierten in Deutschland dokumentieren. Geführte Touren durch die unterirdischen Tunnel und Bunker der Anlage ziehen jedes Jahr zehntausende Besucher an, allein 2024 waren es über 46.000 Teilnehmer; die Tickets gibt es bei der Flughafen Tempelhof Führung.
Für uns in Tempelhof-Schöneberg bleibt der alte Flughafen das, was er immer war: ein Ort mit vielen Schichten, in dem sich deutsche Geschichte verdichtet wie an kaum einem anderen Platz in Berlin. Der letzte Flug ist fast zwei Jahrzehnte her. Das Feld aber ist lebendiger denn je.