Wer über das Tempelhofer Feld radelt, rollt über eine der ungewöhnlichsten Flächen Europas: ein ehemaliger Großflughafen, der heute Wiese, Skatebahn und Schrebergarten zugleich ist. Direkt daneben steht ein Gebäudebogen von 1,2 Kilometern Länge, einst das größte zusammenhängende Bauwerk der Welt. Und nur ein paar Kilometer weiter erinnert eine Freiheitsglocke jeden Mittag um zwölf an den Ort, an dem John F. Kennedy "Ich bin ein Berliner" rief.
Tempelhof-Schöneberg ist ein Bezirk, der seine Geschichte selten leise erzählt. Zwischen Tempelritterdorf, Millionenbauern, Weltflughafen und Luftbrücke liegen achthundert Jahre. Diese Chronik führt vom Komtursitz der Templer im 13. Jahrhundert bis zum Park ohne Bebauung, den sich die Berliner per Volksentscheid erkämpft haben.
- Templer und Tempelritter: Wie Tempelhof zu seinem Namen kam
- 1264: Schöneberg wird erstmals genannt
- Siebenjähriger Krieg und Wiederaufbau
- Millionenbauern und Stadtrecht 1898
- 1920: Eingemeindung nach Groß-Berlin
- 1923: Der Flughafen Tempelhof entsteht
- NS-Zeit: Verfolgung im Bayerischen Viertel
- 1948/49: Die Luftbrücke rettet West-Berlin
- Rathaus Schöneberg: Kennedy und die Freiheitsglocke
- 2001: Tempelhof und Schöneberg werden ein Bezirk
- Ab 2014: Das Feld bleibt frei
- Quellen
Templer und Tempelritter: Wie Tempelhof zu seinem Namen kam
Der Name verrät die Herkunft. Tempelhof geht auf den geistlichen Ritterorden der Templer zurück, der sich im frühen 13. Jahrhundert südlich des späteren Berlin niederließ. Der Komturhof, der Verwaltungssitz des Ordens, lag in geschützter, leicht erhöhter Lage zwischen ursprünglich vier Seen. Die Dorfkirche von Tempelhof markiert bis heute das Zentrum dieses alten Komturhofs.1
Zum Besitz der Komturei gehörten die Dörfer Tempelhof, Mariendorf, Marienfelde und Rixdorf mit zusammen rund 200 Hufen, deutlich weniger als andere Templerbesitzungen in der Mark Brandenburg. Schriftlich greifbar wird der Komtursitz erstmals 1247, als ein "Magister Hermann von Templo" in einer Urkunde erscheint. 1290 taucht "Tempelhoffe" namentlich auf.2
Die Dorfkirche Marienfelde: Berlins ältester Bau im Gebrauch
In Marienfelde steht die älteste erhaltene Dorfkirche Berlins. Eine dendrochronologische Untersuchung eines Dachbalkens datiert das Holz auf das Jahr 1230, der Feldsteinbau dürfte um 1231/1232 fertiggestellt worden sein. Gründung des Dorfes und Bau der Kirche werden ebenfalls den Templern zugeschrieben.3
Nach der Auflösung des Templerordens fiel die Komturei an den Johanniterorden, der die Güter über Jahrhunderte verwaltete. Aus dem mittelalterlichen Dörferkranz entwickelten sich später die heutigen Ortsteile Tempelhof, Mariendorf, Marienfelde und Lichtenrade.4
1264: Schöneberg wird erstmals genannt
Der andere Namensgeber des Bezirks erscheint erstmals am 3. November 1264. In einer Urkunde übertrug Markgraf Otto III. fünf Hufen Land im Dorf Schöneberg, lateinisch "villa sconenberch", an das Kloster zu Spandau. Damit ist Schöneberg ähnlich alt wie viele andere märkische Dörfer rund um die spätere Doppelstadt Berlin/Cölln.5
Aus dem ursprünglichen Dorf wurden mit der Zeit zwei Siedlungen: Alt-Schöneberg an der heutigen Hauptstraße und das später entstandene Neu-Schöneberg weiter nördlich. Jahrhundertelang blieb Schöneberg ein Ackerbürger- und Bauerndorf an der wichtigen Handelsstraße, die von Berlin nach Süden führte.6
Siebenjähriger Krieg und Wiederaufbau
Die Lage an der Ausfallstraße hatte ihren Preis. Im Siebenjährigen Krieg wurde Alt-Schöneberg 1760 schwer zerstört. Der Wiederaufbau zog sich von 1763 bis 1767 hin und stand unter der Leitung des Baumeisters C. C. Netcke.7
Auch sonst blieb die Region lange ländlich geprägt. Tempelhof, Mariendorf und Marienfelde waren Bauerndörfer, deren Felder sich bis an den Rand der wachsenden Residenzstadt zogen. Erst die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts sollte dieses Gefüge vollständig umpflügen.
Millionenbauern und Stadtrecht 1898
Mit der Eisenbahn und dem rasanten Wachstum Berlins begann für Schöneberg ein beispielloser Aufstieg. Viele Bauern wurden reich, weil sie ihre Äcker in begehrtes Bauland verwandelten und verkauften. Der Volksmund nannte sie "Millionenbauern". Innerhalb weniger Jahrzehnte wurde aus einem Brandenburger Dorf eine Großstadt.8
Die Zahlen sprechen für sich. 1838 lebten in Schöneberg rund 1.400 Menschen, 1861 etwa 2.635, bis 1910 schnellte die Einwohnerzahl auf etwa 172.000 hoch.9
Vom Dorf zur Stadt in einer Generation
Am 1. April 1898 erhielt Schöneberg das lang ersehnte Stadtrecht. Damals zählte es rund 75.000 Einwohner, und Alt- wie Neu-Schöneberg wuchsen zur Stadt zusammen. Wer das rasante Bevölkerungswachstum dieser Jahre nachvollziehen will, schaut auf die Gründerzeitbauten rund um den Bayerischen Platz.
Das Bayerische Viertel und die "Rote Insel"
Zwei Gegensätze prägten das junge Schöneberg. Im Südwesten entstand ab den 1900er Jahren das bürgerliche Bayerische Viertel mit großzügigen Wohnungen, in das Ärzte, Anwälte, Künstler und Wissenschaftler zogen. Albert Einstein wohnte in der Haberlandstraße.10
Im Osten dagegen, eingeschlossen von mehreren Bahntrassen, entwickelte sich die "Rote Insel", ein Arbeiterquartier mit traditionell linker, also "roter" Ausrichtung. Schöneberg war Standort der Berliner U-Bahn früh dabei: Bereits am 1. Dezember 1910 wurde die heutige Linie U4 zwischen Nollendorfplatz und Innsbrucker Platz vollständig in Betrieb genommen.11
1920: Eingemeindung nach Groß-Berlin
Wie viele Umlandstädte verlor auch Schöneberg seine Eigenständigkeit. Schon am 1. April 1912 gab die Stadt mit dem Zweckverband Groß-Berlin erste Selbstverwaltungsrechte ab. Mit dem Inkrafttreten des Groß-Berlin-Gesetzes am 1. Oktober 1920 wurde Schöneberg gemeinsam mit Friedenau zum elften Verwaltungsbezirk Berlins.12
Tempelhof bildete im selben Zug mit Mariendorf, Marienfelde und Lichtenrade einen eigenen Bezirk. Aus dem alten Dörferkranz der Templer war damit eine kommunale Einheit innerhalb der neuen Riesenstadt geworden.13
Schöneberg der zwanziger Jahre: Eldorado und Nollendorfplatz
In der Weimarer Zeit wurde das Viertel rund um den Nollendorfplatz zu einem Zentrum des queeren Berlin. Im legendären "Eldorado" in der Motzstraße fanden Travestieshows statt, die weit über die Stadt hinaus bekannt waren. Der britische Schriftsteller Christopher Isherwood lebte von 1929 bis 1933 in der Nollendorfstraße 17, seine Erlebnisse wurden später zur literarischen Vorlage des Films "Cabaret".14
Diese vergleichsweise freie Atmosphäre endete abrupt mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Heute vermarktet sich das Quartier rund um die Motzstraße als Regenbogenkiez, eine Gedenktafel am U-Bahnhof Nollendorfplatz erinnert an die Verfolgung Homosexueller in der NS-Diktatur.15
1923: Der Flughafen Tempelhof entsteht
1923 entstand auf dem Tempelhofer Feld, einem alten Exerzierplatz vor den Toren der Stadt, ein erster Flughafen. Die Baugeschichte begann mit schlichten Holzbaracken, die von den Fluggesellschaften Aero Lloyd und Junkers vorfinanziert waren. Die Zahl der beförderten Passagiere stieg von 150 im Jahr 1923 auf über 60.000 Mitte der 1930er Jahre.16
In den 1930er Jahren plante das NS-Regime den Standort als monumentalen "Weltflughafen" für die geplante "Welthauptstadt Germania". Ab 1936 entstand nach Entwürfen des Architekten Ernst Sagebiel ein gewaltiger Neubau: ein bis zu 1,2 Kilometer langer, durch Treppentürme gegliederter Hallenbogen, lange Zeit das größte zusammenhängende Gebäude der Welt.17
NS-Zeit: Verfolgung im Bayerischen Viertel
Die Geschichte des Bezirks in der NS-Zeit ist eng mit dem Schicksal seiner jüdischen Bewohner verbunden. Zu Beginn der NS-Herrschaft 1933 lebten in Schöneberg über 16.000 Menschen jüdischen Glaubens, das waren rund 7,35 Prozent der Bevölkerung. Viele von ihnen wohnten im Bayerischen Viertel, das in der Weimarer Zeit auch "jüdische Schweiz" genannt wurde.18
Während der NS-Zeit wurden mehr als 6.000 jüdische Bewohner aus Schöneberg deportiert und ermordet. Bis zum 19. Mai 1943 galten der Bezirk und ganz Berlin in der Sprache der Täter als "judenfrei".19
80 Schilder, die nicht wegsehen lassen
1993 verwirklichten die Künstler Renata Stih und Frieder Schnock im Auftrag des Berliner Senats das Denkmal "Orte des Erinnerns im Bayerischen Viertel". 80 doppelseitige Schilder an Laternenmasten zeigen Bild und Text: alltägliche Motive auf der einen, Auszüge aus NS-Gesetzen zur Entrechtung der Juden auf der anderen Seite.
Am Flughafen Tempelhof und in den umliegenden Rüstungsbetrieben kamen während des Krieges auch Zwangsarbeiter zum Einsatz. In den Bögen des Flughafengebäudes produzierte unter anderem die Weserflug Bauteile für Militärflugzeuge.20
1948/49: Die Luftbrücke rettet West-Berlin
Nach dem Krieg lag Tempelhof im amerikanischen Sektor des geteilten Berlin. Als sowjetische Truppen am 24. Juni 1948 alle Land- und Wasserwege nach West-Berlin blockierten, wurde der Flughafen zum wichtigsten Tor der Versorgung aus der Luft. Auf Initiative des US-Militärgouverneurs Lucius D. Clay begann die "Operation Vittles", deren erste Maschine am 26. Juni 1948 in Tempelhof landete.21
Zwischen Juni 1948 und Oktober 1949 transportierten die Westalliierten in fast 278.000 Flügen über 2,3 Millionen Tonnen Fracht nach West-Berlin: Lebensmittel, Kohle, Maschinen und Ausrüstung für rund 2,1 Millionen Menschen. Tempelhof war neben Gatow und Tegel der Hauptflughafen dieser Luftbrücke.22
Die Sowjetunion beendete die Blockade am 12. Mai 1949, die Hilfsflüge liefen bis zum Herbst weiter. Vor dem Flughafen erinnert seither das Luftbrückendenkmal an die Versorgung der Stadt, im Volksmund "Hungerharke" genannt.23
Rathaus Schöneberg: Kennedy und die Freiheitsglocke
Mit der Teilung Berlins wurde das Rathaus Schöneberg zum Machtzentrum des Westens. Von 1949 bis 1990 war es Sitz des Senats von West-Berlin, Amtssitz des Regierenden Bürgermeisters und Tagungsort des Abgeordnetenhauses.24
Seit 1950 läutet im Turm die Freiheitsglocke, ein Geschenk amerikanischer Bürger und der US-Regierung. Bis heute erklingt ihr Ton täglich um Punkt zwölf Uhr über den John-F.-Kennedy-Platz.25
Ich bin ein Berliner.
Am 26. Juni 1963 besuchte US-Präsident John F. Kennedy West-Berlin zum 15. Jahrestag der Luftbrücke. Vor dem Rathaus Schöneberg sprach er vor einer riesigen Menschenmenge die berühmten Worte. Anschließend trug er sich in das Goldene Buch der Stadt ein, während die Freiheitsglocke läutete.26
2001: Tempelhof und Schöneberg werden ein Bezirk
Über Jahrzehnte blieben Tempelhof und Schöneberg getrennte Berliner Bezirke. Erst die Berliner Verwaltungsreform legte sie zum 1. Januar 2001 zusammen. Seither bilden die ehemaligen Bezirke gemeinsam einen der zwölf Berliner Bezirke mit dem Namen Tempelhof-Schöneberg.27
Die Reform reduzierte die Zahl der Berliner Bezirke von 23 auf 12. Wer die heutigen Kennzahlen des fusionierten Bezirks mit den historischen Einzelteilen vergleicht, erkennt zwei sehr verschiedene Welten unter einem Dach: das gründerzeitliche, dichte Schöneberg und das weiträumigere, von Einfamilienhäusern und Dörfern geprägte Tempelhof im Süden.
2008: Der Flughafen schließt
Das markanteste Kapitel der jüngeren Bezirksgeschichte ist das Ende des Flugbetriebs. Am 31. Oktober 2008 wurde der Flughafen Tempelhof offiziell geschlossen. Hintergrund war die Entscheidung von Bund, Berlin und Brandenburg, den gesamten Flugverkehr der Region am neuen Großflughafen in Schönefeld zu bündeln.28
Ab 2014: Das Feld bleibt frei
Nach der Schließung wurde das riesige Flugfeld 2010 als Parkanlage geöffnet, und die Berliner nahmen es sofort in Besitz. Als der Senat Teile der Fläche bebauen wollte, kam es zum Konflikt. Beim Volksentscheid am 25. Mai 2014 stimmten 64 Prozent der Teilnehmer für den Erhalt des Tempelhofer Feldes, nur 36 Prozent dagegen.29
Seit dem daraus entstandenen Gesetz ist jede dauerhafte bauliche Veränderung auf dem Feld untersagt. Das Tempelhofer Feld ist damit eine der größten innerstädtischen Freiflächen der Welt geblieben, genutzt für Sport, Picknick, Gärten und Naturschutz.30
Ein Flughafen als Wohnzimmer der Stadt
Während andere Metropolen ihre Innenstadtflächen verdichten, hat Berlin per Abstimmung beschlossen, eine Fläche von rund 300 Hektar unbebaut zu lassen. Das hat Folgen für Wohnungsangebot und Mieten ebenso wie für die Lebenshaltungskosten im umliegenden Bezirk.
Das denkmalgeschützte Flughafengebäude selbst wird heute schrittweise für Kultur, Gewerbe und Veranstaltungen genutzt. Aus dem Symbol nationalsozialistischer Großmannssucht, das zum Sinnbild der Freiheit West-Berlins wurde, ist ein offenes Quartier mitten in der Stadt geworden. Tempelhof-Schöneberg bleibt damit, was es seit achthundert Jahren ist: ein Ort, an dem große Geschichte unmittelbar greifbar wird.